Interkulturell kompetent – aber wie?

Wie kann ein tolerantes und fruchtbares Zusammenleben verschiedener Kulturen in Deutschland erreicht werden?

Wie können das Fremde, andere Kulturen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen als Erweiterung, Ergänzung und Bereicherung und nicht als Bedrohung und Infragestellung unserer eigenen Identität, Kultur und Religion erlebt werden?

Wie können die oft tief verwurzelten individuellen, gesellschaftlichen und kollektiven Ängste gegenüber Anderen, die den meisten Vorurteilen zugrunde liegen, abgebaut werden?
Welche Voraussetzungen muss der Einzelne mitbringen, um Fremdheit offen und akzeptierend begegnen zu können?
Was bedeutet interkulturelle Kompetenz im Kontext dieser für unsere Zusammenleben wichtigen Fragen?

In seinem Werk „Minima Moralia“ benennt Theodor W. Adorno die zentrale Voraussetzung für ein demokratisches, friedliches und tolerantes Miteinander von Menschen. Seine Ausführungen zur Autonomie der Subjekte und der Fähigkeit zur Reflexion und Selbstreflexion können als wesentliche Voraussetzungen einer interkulturellen Pädagogik nach unserem Verständnis gelten.

Die Angst vor dem Fremden – das ist auch die Angst vor Veränderung. Im Anderen begegnet einem nicht immer nur Bekanntes, sondern meistens Fremdes. Dies gilt auch für die Begegnung mit MigrantInnen, Menschen oft unterschiedlicher ethnischer, kultureller oder religiöser Herkunft. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung hat sich aber gezeigt, dass gerade auch hinter dem scheinbar Vertrauten eine Fremdheit liegen kann, der besonders schwierig zu begegnen ist, weil man nicht mehr verstehen kann, was man schon zu verstehen glaubt. Anstatt von der Ähnlichkeitsannahme auszugehen, ist es besser, in der Begegnung mit dem anderen erst einmal davon auszugehen, dass er grundverschieden und fremd ist. .Damit bedeutet die Begegnung mit Fremden und Fremdem zunächst immer die Begegnung mit sich selbst: der eigenen Wahrnehmung, Reaktion und Interpretation des Fremden. So muss es einerseits darum gehen, sich Fremdheit, Andersartigkeit und Differenz bewusst zu machen, sie zu erleben und mit allen Sinnen wahrzunehmen: und als Fremdheit auszuhalten. Andererseits, damit dies möglich wird, ist es notwendig und wichtig, sich mit sich selbst, den eigenen kulturellen Normen, Werten, eigenen religiösen Prägungen usw. vertrauter zu machen.

Insofern bedeutet interkulturelle Pädagogik auch den Versuch, die Balance zwischen Integration fremder und Stärkung der eigenen kulturellen Identität zu halten mit dem Ziel eine Bereitschaft zu wecken, sich auf interkulturelle Begegnungen einzulassen. Sie fördert so eine Haltung der Offenheit Fremdem gegenüber und die Bereitschaft, Verschiedenheit bei sich selbst und anderen als mögliche Bereicherung wahrzunehmen. Demnach ist die Achtung des Fremden eine Herausforderung und Chance für die eigene Identität. Wichtig ist die Anerkennung der Verschiedenheit bei sich selbst und bei anderen, wobei Kulturen sich immer in und über Menschen begegnen und kein Gegenstand, nichts abstrakt Starres sind, sondern ein dynamischer Prozess, der im sozialen Handeln entsteht und erhalten wird (1). Erst in der Begegnung mit einer anderen Person wird Kultur konkret erfahrbar und relativierbar.

Eigene Normen und Werte zu erkennen, diese in Relation zu anderen einzuordnen, Ich-Stärke und Akzeptanz des Anderen, Fremden, Konfliktfähigkeit und Ambiguitätstoleranz. Unterschiede können erkannt und ausgehalten werden (Ambiguitätstoleranz). Empathie und Rollendistanz, sind Teile der immer öfter angefragten Interkultureller Kompetenz, die notwendig wird, damit sich Menschen in einer multikulturellen Umwelt und in Zeiten zunehmender Globalisierung zurechtzufinden. Das Fremde anzuerkennen ohne es vereinnahmen zu müssen, die Anerkennung von Vielfalt als Normalität bietet die Basis für Handlungskompetenz in kulturellen Überschneidungssituationen (2). Die eigene kulturelle Identität kann gefestigt, gleichzeitig aber auch verstanden werden als eine unter vielen Möglichkeiten Über die Prinzipielle Anerkennung des gleichen Rechtes auf Freiheit ist eine tolerante und gewaltfreie Konfliktlösung gerade auch in interkulturellen Übschneidungssituationen möglich.
Wenn akzeptiert wird, dass es mehr als nur ein richtiges Verhalten gibt, wird versucht eine Lösung zu finden, die für alle beteiligten ein höchstes Maß an Freiheit und Zufriedenheit ermöglicht. Statt mit Dominanz und Macht die eigenen Werte durchsetzen zu wollen, ermöglichen neue Lösungsansätze, die Stärken beider Seiten zu Synergieprozessen zu bündeln. Dann versteht sich jeder zunehmend als Teil „einer Gemeinschaft von Fremden, die einander in dem Maß akzeptieren, wie sie sich selbst als Fremde erkennen.“

Die Begegnung mit Fremdheit ermöglicht es zu lernen, dass die eine Welt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen werden kann .Dadurch wird persönliches Wachstum möglich, in der Auseinandersetzung mit sich selbst, indem der Blick vom Fremden immer wieder auf sich selbst zurückgeführt, die Balance immer wieder gesucht und neu hergestellt wird. Dann wird es möglich sein, den ganzen Elefanten langsam sehen zu lernen und nicht nur meinen erfahrenen Teil von ihm, wie es in einem Gleichnis des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis beschrieben wird:
Es war einmal ein kleines Dorf in der Wüste. Alle Einwohner dieses Dorfes waren blind. Eines Tages kam dort ein großer König mit seinem Heer vorbei. Er ritt auf einem gewaltigen Elefanten.

Die Blinden hatten viel von Elefanten erzählen hören und wurden von einer kräftigen Lust befallen, heranzutreten und den Elefanten des Königs berühren zu dürfen und ihn zu untersuchen, eine Vorstellung davon zu bekommen, was das für ein Ding sei.

Einige von ihnen traten vor und verneigten sich vor dem König und baten um Erlaubnis, seinen Elefanten berühren zu dürfen.
Der eine packte ihn am Rüssel, der andere am Fuß, ein dritter an der Seite, einer reckte sich hoch und packte das Ohr, ein anderer wieder durfte einen Ritt auf dem Rücken des Elefanten tun.
Entzückt kehrten alle ins Dorf zurück, und die Blinden umringten sie und fragten eifrig, was denn das ungeheuerliche Tier Elefant für ein Wesen sei.
Der erste sagte: „Es ist ein großer Schlauch, der sich hebt und senkt.“ Der zweite, der das Bein untersucht hatte sagte: „Es ist eine mit Haut und Haaren bekleidete Säule.“ Der dritte sagte: „Es ist wie eine Festungsmauer und hat auch Haut und Haare.“ Der, der ihn am Ohr gepackt hatte sagte: „Es ist keineswegs eine Mauer, es ist ein dicker, dicker Teppich, der sich bewegt, wenn man ihn anfasst.“ Und der letzte sagte: „Was redet ihr da für Unsinn? Es ist ein gewaltiger Berg, der sich bewegt.“

  1. Hammerschmidt, Annette in Newsletter Sietar, Interkulturelle Kompetenz in Theorie und Praxis, Heft 3/2000
  2. Jakubeit/Schattenhofer: Fremdheitskompetenz – ein Weg zum aktiven Neben- und Miteinander von Deutschen und Fremden in: Neue Praxis 5/1996

 

(Dieser Artikel wurde durch Studiumzentrum Josefstal (www.josefstal.de) im Rahmen von Programm „Interkulturelle Arbeit und Demokratie- und Tolleranzerziehung“ veröffentlicht und hier am 23.02.2011 genehmigt)

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